Donnerstag, 28. November 2013

Ich (17), professioneller Comicreporter

Im Jahr 1984 ging ich zur Schule in Bremen. Ich hatte schon Schülerzeitungen und Fanzines gemacht. Doch jetzt hielt ich die Zeit für reif, mit meinen grandiosen Texten auch mal ein paar müde Mark zu verdienen. Gerade war im Carlsen-Verlag als Sonderband das allererste Abenteuer der phantastischen SF-Serie VALERIAN UND VERONIQUE erschienen, eine Art Nullnummer mit Extras. Also forderte ich ein Rezensionsexemplar an und tippte in meine Olympia-Schreibmaschine ein Werk, das ich postwendend der „KursBuch“-Redaktion zur Verfügung stellte. Gemeint ist nicht Hans Magnus Enzensbergers berühmte Kulturzeitschrift, sondern so hieß ein Bremer Stadtmagazin im A5-Format, vergleichbar etwa dem Hamburger „Oxmox“.

Der Artikel wurde angenommen und erschien in der Oktober-Ausgabe 1984. Hier ist er: Mein erster professioneller Comictext. Es gab Zeilenhonorar und einen Scheck. Als ich später zum ersten Mal in die Redaktion kam, sah dann der Chefredakteur, was für ein kleiner Junge da für ihn über Comics schrieb. Dennoch arbeitete ich weiter fürs KursBuch, oft Buch-, Film- und manchmal auch Comicrezensionen. Und einmal kam der Redakteur auf die Idee: „Wir müssten mal eine Serie über Bremer Comiczeichner machen!“ Also zog ich los und „recherchierte die Szene“. Erste Anlaufstation war mein Lieblings-Comicladen. Und als der dortige Verkäufer sich tatsächlich als ein Typ entpuppte, der in seiner Freizeit Comics zeichnete, machte ich von da ab jeden Monat ein Interview mit einem anderen Zeichner. Nachdem die erste Folge erschienen war, meldeten sich die Zeichner von selbst in der Redaktion.

Es würde mich interessieren, was aus all den damaligen Gesprächspartnern geworden ist. Viele von ihnen waren sicher überrascht über den Juniorreporter, der da bei ihnen anrückte. Ich hoffe, viele von ihnen zeichnen auch heute noch, und einige können damit vielleicht sogar ihr Geld verdienen. Ein paar waren auch damals schon sehr berühmt, zum Beispiel Til Mette, der später regelmäßig Cartoons für den „Stern“ zeichnete, und Christian Gorny, der dann mit seinem HAARMANN-Comic großen Erfolg hatte. Für das Gorny-Interview habe ich übrigens das erste und bisher einzige Mal in meinem Leben ein Ausfallhonorar bekommen. Dem Redakteur gefielen einfach Christians Zeichnungen nicht. Da machte ich für den Monat halt noch ein anderes Interview. Olaf, der rasende Comicreporter.

Samstag, 23. November 2013

Maikel Das 50

Jetzt geht’s zur Geburtstagsfeier von Maikel Das in Hamburg. Maikel, obwohl jung an Jahren (hüstel), ist ein Urgestein der Comicszene. Er ist Zeichner, Autor, Redakteur und – seitdem er gemeinsam mit Kai Hirdt die Alligatorfarm übernommen hat: Verleger und Herausgeber der PERRY-Comics. Maikel ist Donaldist, Westernfan, aktiver Begleiter der STAR-WARS-Szene. Wir könnten uns bereits 1980 einmal über den Weg gelaufen sein, als wir beide unabhängig voneinander den PERRY-RHODAN-Weltcon in Mannheim besucht haben.

Richtig kennen lernten wir uns bei den PERRY-Comics, so ab 2007. Ich mag an Maikel besonders, wie er als Redakteur unaufdringlich und bescheiden dennoch die Zügel fest in der Hand hält. Auf ihn kann man sich verlassen: Wenn etwas besprochen wurde, dann wird es auch so gemacht. Und wenn jemand eine bessere Idee hat, dann kann man auch darüber noch sprechen. Maikel kennt wirklich jeden in der Comicszene und ist der Hauptverantwortliche dafür, dass ich mit meinem Geschreibsel überhaupt jemals irgendwo Comics publizieren konnte: Bei PERRY bringt Maikel die Zeichner und Autoren zusammen und koordiniert den Produktionsprozess von der Storyentwicklung übers Layout bis zur Produktion und zum Vertrieb der Hefte.

Unsere schönste Zusammenarbeit war der Kurzcomic „Der Mann, der Piet Rawland erschoss“, den wir 2011 für PERRY produziert haben (erschienen 2013). Maikel hatte mich durch seine Begeisterung für Sam Peckinpah dazu inspiriert, ich hatte ruckzuck ein Skript geschrieben, und nun war es Maikels Aufgabe als Redakteur, dafür einen Zeichner zu suchen. Zu meiner großen Freude fand er sich selbst und zeichnete den Comic nach Layouts von Till Felix. Ein richtig schöner Sci-Fi-Western ist das geworden, mit einer dreifach ineinander verflochtenen Zeitschleife und auch einer gewissen Portion Sex und Gewalt. Diese Produktion hat einfach von vorne bis hinten Spaß gemacht!

Ich muss mich beeilen, denn gleich geht die Party los. Zufälligerweise wurde Maikel am gleichen Tag geboren, an dem in England die erste Folge einer gewissen Kultserie mit einem zeitreisenden Doctor über die Bildschirme flimmerte. Heute, am „Tag des Doctors“, erhält also auch Maikel sein Upgrade auf 5.0. Hab’ ihm was whoiges aus England mitgebracht. Aber pssst!

Freitag, 15. November 2013

Lieblingscomics (1): Spirou: Fauler Zauber in Afrika

Im Nationalpark Niokolo-Koba im Senegal verschwinden Tiere und Menschen spurlos. Der abenteuerlustige Spirou und sein Reporterfreund Fantasio geraten in diese wilde Geschichte, als mitten in Paris der UNESCO-Abgeordnete Folleg in ihr Taxi stürzt und ihnen einen Koffer mit einem geheimnisvollen Amulett übergibt. Und dann ist Folleg, der von einem Gangster verfolgt wird, plötzlich verschwunden. Nur seine Kleider liegen noch im Taxi. Das Amulett stammt von Follegs Onkel, dem Zauberer Mansa Mussa, der in einem kleinen Mandingo-Dorf in Niokolo-Koba lebt. Spirou, Fantasio und natürlich auch das Eichhörnchen Pip machen sich sofort auf nach Afrika, um das Amulett zurückzubringen. Dort treffen sie auf neue und alte Freunde und eine ganze Reihe zwielichter Typen. Mansa Mussa ist von ein paar schweren Jungs entführt worden. Aber auch Elefanten, Büffel und Krieger eines Bassari-Stammes lösen sich über Nacht in Luft auf.

Dieses bunte Afrika-Abenteuer war das fünfte SPIROU-Album aus der Feder von Jean-Claude Fournier (der sich auf der vierten Seite als Fahrer, dem das Auto geklaut wird, mit einer Selbstkarikatur verewigte). Es enthält einen stets zum nächsten Abenteuer bereiten Spirou, einen cholerischen Fantasio und viele wunderschöne Nebenfiguren, so Major Plum-Park, den hochnäsigen Schotten, Spirous und Fantasios neuen Freund Prugal Knape, der an jeder Ecke in Afrika Verwandte zu haben scheint, und den armen Fega Maldas – wenn einer vom Auto fällt, dann er. Das Eichhörnchen Pip hofft in Afrika Nüsse zu finden, und auch die pfiffige Reporterin Ororea mischt wieder mit – kein Wunder, dass Fantasio bis über beide Ohren in sie verknallt ist.

Ich erinnere mich genau, dass ich diese Geschichte bereits als Kind in einem Comicmagazin gelesen habe, und dass sie mir schon damals gut gefallen hat. Ich habe ein wenig recherchiert und zu meiner Überraschung in der Kaukapedia herausgefunden, dass es sich bei dem Comicmagazin um FIX UND FOXI im Jahr 1975 gehandelt haben muss. Dort lief SPIROU als „Pit und Pikkolo“, und die Geschichte, die damals brandneu war, bekam den schönen deutschen Erstveröffentlichungstitel: „Schwere Jungs und fauler Zauber“. Im Anschluss wurde gleich das Folgealbum „Apfelsaft für Alpha zwo“ (später: „Apfelwein für Xorien“) veröffentlicht, eine Geschichte, an die ich mich auch sehr gerne erinnere und über die ich vielleicht später hier mal was schreibe.

Die restlichen Comics im FIX-UND-FOXI-Magazin scheinen keinen großen Eindruck auf mich gemacht zu haben, denn ich habe keine Erinnerung an die anderen dort verzeichneten Geschichten. Aber dieser faule Zauber hat es mir angetan: Dabei gefällt mir besonders, wie hier Funny und Realismus, Abenteuer, Zauberei und Detektivspiel ganz reibungslos miteinander verbunden werden. Fournier beherrscht das fabelhaft, und die Geschichte – 1984 deutsch als Album bei Semic, 1989 bei Carlsen, Neuausgabe 2004 – gefällt mir heute so gut wie damals als Achtjährigem.

Donnerstag, 7. November 2013

Erschienen: Die Sprechblase Nr. 228

Eine neue SPRECHBLASE ist immer eine Fundgrube an detaillierten und gut recherchierten Berichten für Comic-Fans und -Forscher. Im 38. Jahrgang erscheint die Zeitschrift nun und hat selbst solche Schicksalsschläge wie den Tod ihres Gründers und Verlegers Norbert Hethke im Jahr 2007 überstanden. Unter der Chefredaktion von Gerhard Förster übertrifft sich das Magazin ein ums andere Mal selbst, man denke allein an das grandiose Special zu den PERRY-Comics in SPRECHBLASE Nr. 223. Jüngst haben Gerhard Förster und DIE SPRECHBLASE auf dem Comicfestival in München den PENG!-Preis für beste Comic-Berichterstattung erhalten und werben damit stolz auf dem Titelblatt – zu Recht! Die Menschen, die diese Zeitschrift machen, lieben Comics. Und sie kennen sich richtig gut damit aus.

Diese Ausgabe gefällt mir besonders. Sie hat achtzig prall gefüllte Seiten, und wenn man damit durch ist, ist man traurig, dass es nicht noch mehr sind. DIE SPRECHBLASE Nr. 228 wird von drei großen Themen beherrscht, die (bei mir als Leser) alle genau ins Schwarze treffen: Da ist der zweite (von drei) Teilen einer gigantischen Abhandlung über den unglaublichen Stan Lee, diesmal geht’s um die Schlüsselphase seines Lebenswerks: die Erschaffung der Marvel-Comichelden. Herrlich zu lesen, und macht Lust darauf, die alten Marvel-Hefte aus den Siebzigern wieder hervorzuholen! Dann ist da ein ausführlicher Hintergrundbericht über den türkischen Comicheld TARKAN, einen Hunnenkrieger, der 1967 zuerst als Zeitungsstrip in „Hürriyet“ erschien, sogar verfilmt wurde und in der Türkei eine unglaubliche Popularität erreichte. Die Serie erschien in Heftform auch in Deutschland, wurde aber wegen Gewaltdarstellungen von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften dauerindiziert. Die Spezialisten von der SPRECHBLASE liefern viele liebevoll recherchierte Hintergründe und einen ausführlichen Episodenführer: großartig! Dieser Teil der SPRECHBLASE zeigt, wie das Magazin immer wieder neue Themen erfasst und mit Informationen aufwartet, die man nirgends sonst lesen kann!

Und dann ist das nostalgische Schwelgen in Jugenderinnerungen natürlich immer wieder ein Grund, DIE SPRECHBLASE zu kaufen. In diesem Fall macht es „klick“ bei mir, wenn ich die ausführliche Titelstory über den Künstler William Vance lese (auch darin und in der präzise recherchierten Comicografie finde ich übrigens noch viele Infos, die mir bisher völlig unbekannt waren). Ich mochte besonders Vances in ZACK erschienene Serien um Geheimagent BRUNO BRAZIL und Raum-Zeit-Abenteurer BOB MORANE. BRUNO BRAZIL war eine Art Mischung aus „Kobra, übernehmen Sie“ und James Bond. Besonders gut erinnere ich mich daran, als in ZACK die finale Story unter dem Titel „Entscheidung in Madagaskar“ erschien, ein knallharter Spionage-Thriller mit einem trostlosen Ende für das „Kommando Kaiman“. Gerade bringt ja Ehapa die Serie in Adaption der französischen „Intégrale“-Ausgaben als prächtige Gesamtausgabe in deutscher Sprache heraus. Auch da wartet DIE SPRECHBLASE noch mit einem Extra auf: Sie dokumentiert auf einer ganzen Seite die von Vance illustrierte und in der Gesamtausgabe nicht enthaltene Erzählung „Fragen Sie nach Papa Konfuzius“, die 1974 in TINTIN SÉLÉCTION erschien. BOB MORANE ist in Frankreich ebenfalls als „Intégrale“-Ausgabe erschienen, die deutsche Veröffentlichung bei Epsilon wurde vor einigen Jahren jedoch nach Band 4 abgebrochen. Das scheint das Schicksal dieser Serie in Deutschland zu sein: Immer wieder wurden Versuche eingestellt, sie hier komplett zu publizieren. Schade, ich habe diese Mischung aus Science Fiction und Abenteuer sehr gemocht. Ich habe mich sogar im Holland-Urlaub immer mit BOB-MORANE-Alben eingedeckt, von denen dort wesentlich mehr erschienen sind als hierzulande. DIE SPRECHBLASE macht vor allem Lust auf das in Deutschland nie erschienene Album „L’empreinte du crapaud“ (Die Spur der Kröte).

DIE SPRECHBLASE enthält auch eine Rubrik „Trauerarbeit“ mit sehr persönlich gehaltenen Nachrufen. Leider sind seit der letzten Ausgabe wieder viele Zeichner, Autoren, Letterer und prominente Comicfans verstorben. Leider muss der Liste auch ein weiterer Name hinzugefügt werden: Anfang Oktober, nach Drucklegung des aktuellen Heftes, starb der Verleger Hans Stojetz, Geschäftsmann und Comicfan, der DIE SPRECHBLASE ab 2008 am Leben erhalten und gemeinsam mit Gerhard Förster weitergeführt hat. Sein Sohn Gerald führt den Verlag und die Herausgabe der SPRECHBLASE fort.