Sonntag, 22. Juni 2014

Das war Erlangen 2014

Es hat etwas von einem Klassentreffen. Alle zwei Jahre kommt die Comicszene für vier Tage in der kleinen mittelfränkischen Stadt Erlangen zusammen und trifft sich zum Comic-Salon (im Wechsel mit dem Comicfestival München). Es ist eine Fachmesse, ein Festival, ein Fantreffen. Ich bin erst das zweite Mal hier und schon fühle ich mich zu Hause. Erlangen fühlt sich nicht an wie eine riesige Großveranstaltung (was es ist), sondern wie ein Treffen mit Freunden (was es auch ist). Ich treffe alte Freunde und lerne neue kennen.

Es wird viel geredet, geblättert, gefachsimpelt und geplant. Neue Geschichten werden erzählt, und neue Teams finden sich. Wer Projekte im Gepäck hat, stellt sie den Verlagen vor. Und wer sich Hefte oder Alben von den Zeichnern signieren lassen möchte, bekommt immer eine kleine Zeichnung dazu. Auch dieses Jahr hat das wieder viel Spaß gemacht. Hier kommen Leute zusammen, die es lieben, sich in Bildergeschichten auszudrücken. Und so vielfältig die Szene ist, begreifen sich alle als eine große Familie. Das finde ich klasse!

Wie immer mischen sich auch viele Comicfans in Verkleidung ihrer Lieblingshelden ins Publikum und werden Stars zahlreicher Selfies. Da kommt der ganzkörperblaue Dr. Manhattan im schwarzen Anzug, und, wie es scheint, die gesamte Besetzung aus Cats. Oder sind das weltberühmte Mangaheldinnen, die ich nicht kenne? Da stehen The Shadow und Lara Croft nebeneinander und schauen sich Zeichnungen an. Gleich mehrere Spider-Men sind anzutreffen (einer davon weiblich), und selbst der vierte Doctor, zu erkennen an Hut und Schal, besucht diesen besonderen Moment im Raum-Zeit-Kontinuum. Ein geflügeltes, gelb-schwarz-gestreiftes Mädchen erklärt mir, dass sie natürlich nicht die Biene Maja darstelle, sondern The Wasp. Mein Fehler.

Es gab natürlich auch offizielle Programmpunkte, Ausstellungen, Preisverleihungen, Parties. Manch einer macht die Nacht durch und erscheint am nächsten Tag entsprechend gerädert in der Heinrich-Lades-Halle. Ich nenne keine Namen. Stargäste waren dieses Jahr Émile Bravo, Jacques Tardi und Ralf König. Es waren aber auch noch fünfhundert andere Künstler da. Jetzt ist es so wie nach einem Klassentreffen: Schade, dass es schon wieder vorbei ist.

Mittwoch, 18. Juni 2014

Alte Recken und junge Wilde: U-Comix Nr. 187

Ich darf schon im neuen U-COMIX blättern, das morgen zum Comic-Salon in Erlangen erscheint, ab Freitag dann auch im regulären Handel. Auf 68 Seiten gibt es wieder eine fabelhafte Mischung aus alten Recken und jungen Wilden. Stefanie de Saint Genois interviewt MÉTAL-HURLANT-Star Caza. Steff Murschetz präsentiert eine Antwort des legendären Will Eisner auf einen Fanbrief, den Steff ihm 1981 geschrieben hatte. Dazu gibt es die deutsche Erstveröffentlichung von Eisners kleinem Onepager-Zyklus „Das Telefon“, inklusive einer bereits verloren geglaubten, dann jedoch wiederentdeckten Seite: Comicmagazine betreiben manchmal Archäologie.

Neu an Bord ist Christian Scharfenberg, der in einer haarsträubend komischen Pseudo-Dokumentation ins Universum seiner Figur CLIFF STEELE einführt, einem deutschstämmigen, muskelbepackten Primitivling, der in Amerika Karriere als waffenstarrender Superfilmstar macht („I wont to shoot everyone“). Die zahlreichen Trash-Produktionen, in denen er mitspielt, wird Christian uns in künftigen Ausgaben von U-COMIX sicherlich noch ausführlich vorstellen, darunter „Magmor, Son of Thunder“: „He strong. He mighty warrior. He fight for right in age of wrong.” Eine Video-Episode mit Weltraumheld Rick Rocketrider kann man sich hier anschauen.

Wieder dabei ist Konstantin Komardin, der diesmal auf Druillet-Spuren wandelt. Zahlreiche Reihen und Serien werden fortgesetzt, darunter Rene Lehners GEILSTADT über ein beschauliches Städtchen, in dem es immer nur um das eine geht, Georg von Westphalens von der neoliberal-kapitalistischen Welt gebeutelter KAFKAS AFFE und Dietwald Doblies’ eigenartig-düstere Reisegesellschaft, die in DER VERBORGENE ENGEL in die Unterwelt hinabsteigt.

Michael Vogt und ich sind mit drei Seiten EIN SELTSAMER TAG vertreten. Es handelt sich um frühe Episoden aus dem Jahr 2011, hier zum ersten Mal in Farbe, phantastisch koloriert von Micha. Wir haben bereits genug Material für die nächsten paar Hefte produziert. Einen kleinen Einblick ins neue U-COMIX gibt es hier.

Dienstag, 17. Juni 2014

Zweite Perry-Ashcan in Erlangen

Ashcan copy, das war ursprünglich ein Ausdruck der amerikanischen Comicindustrie für Veröffentlichungen, die lediglich aus juristischen Gründen produziert wurden, um sich Titelrechte zu sichern. Diese wurden mit minderwertigem Inhalt einfach so dahingerotzt und durch die Druckmaschine gejagt. Sie gelangten nicht in den Verkauf, sondern kamen direkt in die Ashcan, den Papierkorb. Heute wird der Ausdruck Ashcan-Ausgabe vor allem verwendet für Promo-Material, Mini-Comics und Publikationen, die exklusiv für besondere Veranstaltungen produziert werden. Oft gibt es darin Vorabdrucke, Noch-in-Arbeit-befindliches und Hintergrundmaterial.

Wenn in zwei Tagen der 16. Internationale Comic-Salon in Erlangen seine Pforten öffnet, dann sind da auch die wilden Jungs von der Hamburger Alligatorfarm, Herausgeberin der PERRY-Comics. Jaaa, da ist seit langem kein neues Heft erschienen. Wir arbeiten dran. Als Lebenszeichen gibt es in Erlangen erstmal eine PERRY-Ashcan-Ausgabe mit der exklusiven Story „Für eine Handvoll Zellaktivatoren“, die in einer Gemeinschaftsarbeit von dreizehn Zeichnern und Autoren entstanden und nirgendwo sonst zu erhalten ist. Micha Vogt und ich beteiligen uns mit einem exklusiven Crossover zwischen PERRY und EIN SELTSAMER TAG. Die Auflage ist wesentlich kleiner als bei den regulären PERRY-Heften. Es handelt sich also um eine echte Rarität, die, wie die Ashcan-Ausgabe vor zwei Jahren, sicher bald vergriffen sein wird.

Und das Beste: Die PERRY-Zeichner vor Ort signieren nicht nur, sondern verzieren euer Heft auch gerne mit einer individuellen Zeichnung. Seite 3 des Heftes ist extra dafür freigehalten. Also nichts wie hin zum Stand der Alligator-Farm: Halle C, Stand Nr. 68.

Montag, 26. Mai 2014

Mark Brandis, Raumkadett als Hörspiel und Comic

Die in der Zukunft spielende Jugendbuch-Reihe MARK BRANDIS des Schriftstellers Nikolai von Michalewsky, die in den Siebzigern und Achtzigern im Herder-Verlag erschien, hatte einen ganz eigenen Charme. Sie handelte nicht von Außerirdischen, sondern von der Politik der Erde. Dennoch waren es mitreißende Weltraumabenteuer. Jeder, der heute ein gewisses Alter erreicht hat, erinnert sich an die phantastischen Titelbilder des Malers und Illustrators Robert André. Die Bücher werden antiquarisch teils zu hohen Preisen gehandelt. In den letzten Jahren hat der Wurdack-Verlag die Romane jedoch in neuer Aufmachung wieder aufgelegt und auch als E-Book veröffentlicht. Sie sind also inzwischen wieder leicht erhältlich. Kurz zuvor begann auch die Hörspiel-Adaption der Serie in der Bearbeitung von Balthasar von Weymarn, die inzwischen fast abgeschlossen ist.

Die Kurzgeschichte „Aufbruch zu den Sternen“ erschien 1983 im gleichnamigen Jubiläums-Sonderband zum 25. Band der Serie. Darin erzählt von Michalewsky, wie sein 13-jähriger Titelheld sich als blinder Passagier auf den Raumfrachter „Barbarossa“ geschlichen und sein erstes Abenteuer im Weltraum erlebt hat. Michael Vogt hat dieses Jugendabenteuer von Mark Brandis bereits vor zwei Jahren als Comic adaptiert und in zwei Teilen im ZACK-Magazin veröffentlicht (Nr. 156 & 157). Damit war diese Serie also nicht nur durch die Hörspiele zeitgemäß vertont, sondern auch in moderner Form visualisiert worden.

Dieselbe Kurzgeschichte ist jetzt erneut adaptiert worden – als Hörspiel, wiederum bearbeitet von Balthasar von Weymarn. Es erschien als Auftakt einer neuen Serie mit Jugendabenteuern unter dem Titel MARK BRANDIS, RAUMKADETT. Das Hörspiel ist in bewährter Qualität produziert und glänzt vor allem durch hochkarätige Sprecher: Daniel Claus spricht den jungen Mark Brandis. Michael Lott, der die Rolle in den bisherigen Hörspielen gesprochen hatte, ist als erwachsener Ich-Erzähler zu hören. Ebenfalls an Bord sind Thomas Nero Wolff, die deutsche Stimme von Hugh Jackman, und viele andere bekannte Sprecher.

Eine besondere Freude für Hörspielfans bietet die Szene, in der der brummige Raumschiffkäptn Nelson für einen Trip zur Venus einen Navigator sucht, und der findige Hafenmeister Marconi ihm für den Posten – eine Frau vermittelt. Nelson und Marconi werden nämlich gesprochen von Horst Stark und Gernot Endemann, den grandiosen Hauptdarstellern der legendären Hörspielserie COMMANDER PERKINS, die zur gleichen Zeit herauskam wie die MARK-BRANDIS-Bücher. Sprecherin der Navigatorin ist Gabi Libbach, die Tochter des Professors in COMMANDER PERKINS.

Der CD sind als Extras noch zwei pdfs hinzugefügt: die ursprüngliche Kurzgeschichte von Nikolai von Michalewsky und die 14-seitige Comicadaption von Michael Vogt! MARK BRANDIS, RAUMKADETT Nr. 1 „Aufbruch zu den Sternen“ ist seit Freitag im Handel, ebenfalls bereits erschienen ist Nr. 2 „Verloren im All“.

Samstag, 10. Mai 2014

Gratis-Comic-Tag 2014

Schon seit einigen Jahren findet nun auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz der Gratis-Comic-Tag statt. Die Idee wurde aus den USA übernommen: An einem Samstag im Mai können sich Fans bei Comichändlern speziell für diesen Tag produzierte Sonderpublikationen abholen, mit denen die Verlage für ihre Produkte werben. Das sind oft bunte Zusammenstellungen aus dem aktuellen Programm, Leseproben, aber auch komplette bereits als Alben publizierte Geschichten in Heftform und sogar extra für diesen Anlass produzierte Hefte.

Im Bremer Comic Café war’s rappelvoll, ein ständiges Rein und Raus, man traf alte und junge Fans, und viele Gratishefte wechselten in den Besitz der Kunden. Am begehrtesten und schon am frühen Vormittag vergriffen war die komplette Vorveröffentlichung des ersten Bandes von SHERLOCK HOLMES & DAS NECRONOMICON (Splitter), in dem der berühmteste Detektiv der Welt mit dem Horror H. P. Lovecrafts konfrontiert wird. Beide Bände zusammen erscheinen Anfang Juni als Hardcover-Ausgabe. Wer heute kein Heft abbekommen hat, kann hier eine Vorschau sehen.

U-COMIX, letztes Jahr mit einem Heft zum Gratis-Comic-Tag neu gestartet, ist wieder mit einem Sonderband vertreten, in dem sich deutsche Künstler „30 Jahre nach 1984“ mit Überwachungsstaat und Gehirnwäsche befassen. Wer hätte gedacht, dass dieses Thema 2014 tatsächlich so brandaktuell sein würde?

Schon gelesen habe ich die ausführliche Leseprobe von Émile Bravos charmantem Kindercomic „Sprung in die Zukunft“, erster Band der Serie PAULS FANTASTISCHE ABENTEUER (Carlsen): Der kleine Paul wird von allen Kindern des Planeten ausgewählt, die erste Reise auf einem interstellaren Raumschiff mitzumachen. Gerne lässt er seinen unausstehlichen kleinen Bruder („Ich werde dein Meerschweinchen töten!“) auf der Erde zurück, doch was er von dem gleichaltrigen Mädchen halten soll, das ebenfalls mit auf die Reise geschickt wird, weiß er noch nicht („Du hast wirklich von nichts eine Ahnung!“). Der Aufbruch geschieht ein wenig überhastet, und offenbar hat man übersehen, Paul ein paar winzige Details zu verraten, zum Beispiel wie lange die Reise dauern wird und was der eigentliche Grund dafür ist, dass zwei Kinder nach Alpha Centauri geschickt werden.

Émile Bravo ist vor allem bekannt für den SPIROU-UND-FANTASIO-Spezialband „Porträt eines Helden als junger Tor“. Seine Graphic Novel „Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen“ wurde 2010 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet, sein Kinderbuch „Das tapfere Prinzlein und die sieben Zwergbären“ gewann 2012 auf dem Internationalen Comic-Salon in Erlangen den Max-und-Moritz-Preis. Nächsten Monat gibt es auf dem diesjährigen Comic-Salon eine große Ausstellung zu seinen Comics. Freue ich mich schon drauf.

Mittwoch, 30. April 2014

Lieblingscomics (3): Die Stadt der tosenden Wasser

Im 28. Jahrhundert leben die Menschen in Wohlstand und Frieden in Galaxity, der Hauptstadt des Sonnensystems. Doch diese glückliche Zukunft gerät in Gefahr, als der Verbrecher Kombul aus dem Gefängnis flieht und eine Raum-Zeit-Maschine stiehlt. Er will die Geschichte ändern und sich zum Herrscher der Menschheit aufschwingen. Der Raum-Zeit-Service schickt seine Agenten Valerian und Veronique, um Kombuls Spur zurückzuverfolgen ins Jahr 1986, die Zeit zu Beginn der „finsteren Jahre“ der Menschheitsgeschichte, über die kaum etwas bekannt ist. Valerian und Veronique landen in New York, das nach einer Katastrophe überschwemmt ist, und treffen dort Plünderer und geheimnisvolle Roboter, Freunde und Feinde. Mithilfe von Verbündeten machen sie einen Trip quer durch das zerstörte Amerika, um Kombul dingfest zu machen und den Zeitablauf wiederherzustellen, in dem einmal Galaxity und der Raum-Zeit-Service entstehen werden.

Dieses Comicalbum von Jean-Claude Mézières und Pierre Christin ist ein echter Klassiker der franko-belgischen Schule und erster Band der Serie VALERIAN, im Original erschienen im Jahr 1970 (das Handlungsjahr 1986 befand sich also aus damaliger Sicht sechzehn Jahre in der Zukunft). Die deutsche Veröffentlichung folgte 1973 unter dem Titel „1984 – Die Erde ertrinkt“ in Fortsetzungen in ZACK. Als Carlsen „Die Stadt der tosenden Wasser“ 1978 in Albenform veröffentlichte, nannte der Verlag die zweite Hauptfigur Laureline um und machte die Serie hierzulande unter dem Titel VALERIAN UND VERONIQUE bekannt. Mézières und Christin schaffen darin über den Zeitraum von vierzig Jahren Realzeit ein faszinierendes und komplexes Universum, bis hin zum 2010 erschienenen Abschlussband „Der Zeitöffner“.

„Die Stadt der tosenden Wasser“ ist einer meiner absoluten Lieblingscomics: ein großes Abenteuer voller phantastischer Erlebnisse mit symphatischen Hauptfiguren, viel Action und Humor. Wir erleben eine Heldenreise durch Raum und Zeit, ein überschwemmtes New York, ein unterirdisches Laboratorium, eine Fahrt in durchsichtigen Blasen mitten durch einen Vulkanausbruch und ein Finale auf einer Weltraumstation. Zwischendurch wird Veronique Opfer einer Verkleinerungsmaschine („Immer sind es die Mädchen, denen solche Sachen passieren!“), und Jerry Lewis hat einen Gastauftritt als „verrückter Professor“ Schroeder (dem wir, ebenso wie Gaunerboss Lester, am Ende der Serie wiederbegegnen).

Der ursprünglich alleinige Titelheld der Serie, der manchmal etwas ungeschickte Raum-Zeit-Agent Valerian, findet in seiner hinreißenden „Assistentin“ Veronique eine mehr als ebenbürtige Partnerin, die ihn ein ums andere Mal aus der Patsche holt. Zur Freude der Leser werden sie im Laufe der Serie ganz selbstverständlich ein echtes Liebespaar – und erleben gemeinsam noch viele Abenteuer in Raum und Zeit.

Wer wissen will, wie Valerian und Veronique sich kennengelernt haben, findet ihr erstes Abenteuer in der Nullnummer „Schlechte Träume“, die Mézières und Christin bereits 1968 fertiggestellt haben, als Sonderband 1984 auch auf Deutsch erschienen, damals meine erste Comic-Rezension im Bremer KursBuch. Natürlich ist das Abenteuer auch in der Gesamtausgabe enthalten, die seit Anfang des Jahres komplett auf Deutsch vorliegt (Carlsen).

Montag, 14. April 2014

Ja, ich tue es!

Ich lese digitale Comics. Schon auf Maikels Geburtsparty (wer nicht dabei war, hat was verpasst!), hatte ich ja unsere PERRY-Comics auf dem iPad dabei. Jetzt habe ich bei comiXology eingekauft, dem führenden Anbieter digitaler Comics in Amerika. Mit ein paar Klicks bin ich angemeldet, schaue mich in dem Angebot um, wähle, bezahle, und schwupps, schon sind die eBooks aus Amerika auf dem Endgerät in meinen Händen. Ich wähle das erste Heft, schaue mir die kompletten Seiten an, wische zur nächsten Seite, tippe auf einzelne Panels um sie zu vergrößern – und kann das zur Not auch in der Straßenbahn oder der Badewanne machen und, W-LAN vorausgesetzt, jederzeit und allerorts neue Titel aus einer unerschöpflichen Auswahl hinzukaufen. Wir sind echt in der Zukunft, oder?

Als Erstes habe ich mir die neuen Comics zu MONDBASIS ALPHA 1 besorgt, die der amerikanische Verlag Archaia in den Jahren 2012/13 herausgebracht hat. Es sind Neubearbeitungen und Fortsetzungen der klassischen Comics zur Fernsehserie aus den Siebzigern, Retro-Feeling einer- und modernes Storytelling andererseits. Die Serie handelte davon, dass der Mond aus der Erdumlaufbahn geschleudert ... ach, das wisst ihr ja alle! Habe dazu einen Riesen-Artikel verfasst, der jetzt im neuen phantastisch! erschienen ist, das in den nächsten Tagen am Bahnhofskiosk bereit liegt (Nr. 54). Darin bespreche ich auch die neuen ALPHA-1-Comics in Vergleich zu den alten aus den Siebzigern.

Ein Tipp noch für Schnäppchenjäger: Auch bei comiXology gibt es manchmal Sonderangebote von Dingen, die später wieder im Preis heraufgesetzt werden. Also aufgepasst und bei Bedarf rechtzeitig zuschlagen!

Donnerstag, 3. April 2014

Da ist das Ding: U-Comix Nr. 186

Heute schon im Briefkasten, ab morgen im Bahnhofsbuchhandel und allen guten Comicläden erhältlich: Das neue U-COMIX, wieder mit vielen Beiträgen aus der bunten deutschen Comicszene. Wie das Titelbild schon andeutet, enthält diese Ausgabe jede Menge Affensex: Da gibt es Georg von Westphalens KAFKAS AFFE, der diesmal auf vier Seiten recht wörtlich „das System fickt“, und Ben Marquardts neue scharfe Serie BANGKOK MONKEYS, in diesem Heft mit einer abgeschlossenen ebenfalls vierseitigen Story, die in der Gangsterszene einer eigenartigen Variante der thailändischen Hauptstadt spielt, in der sprechende Affen und andere seltsame Wesen leben. Da wünsche ich mir in der Tat, dass Ben in weiteren Ausgaben noch tiefer eintaucht in diese phantastische Parallelwelt.

Überhaupt ist der Phantastik-Anteil wieder recht hoch. U-COMIX geht im Jahr 2014 mehr als jemals zuvor in Richtung HEAVY METAL. Gefällt mir! Sebastian Drewniok und Steff Murschetz liefern eine Weltraum-Horrorstory ab, und Dietwald Doblies bringt die vierte Folge seines großangelegten Opus DER VERBORGENE ENGEL, in dem zwei Satansknechte eine Expedition zur Befreiung ihres Meisters aus dem Abgrund planen und sich dafür prominente Hilfe holen: Zuerst erwecken sie den Psychoanalytiker Doktor Freud aus dem Totenreich, der sodann ein Team zusammenstellt ebenfalls bereits verstorbener (realer und literarischer) Persönlichkeiten aus unterschiedlichen Zeitepochen. Stark! Bin gespannt, wie’s weitergeht.

Und natürlich sind ab dieser Nummer Micha Vogt und ich mit EIN SELTSAMER TAG dabei! Bis auf Episode 1, die im Schwarz-Weiß-Teil platziert ist, erscheinen in U-COMIX künftig alle Episoden in Farbe, auch die bereits zuvor in schwarz-weiß veröffentlichten. Diesmal ist sogar eine Erstveröffentlichung dabei: Als Episode 2 bringen wir einfach schon mal unsere insgesamt fünfzehnte Story, die wir Anfang dieses Jahres fertiggestellt haben (aktuell in Arbeit: Episoden 18 und 19).

Die nächste Ausgabe soll bereits zum Comic-Salon Erlangen im Juni erscheinen!

Mittwoch, 19. Februar 2014

Wieder da: U-Comix

Ja leckomio, es gibt wieder U-COMIX – das Underground-Magazin „aus dem 20. Jahrhundert“ ist zurück! Damals, in den Siebigern und Achtzigern, da brachte das klassische U-COMIX Anarcho-Comics der etwas anderen Art. „Unanständige Comix für Erwachsene“ stand auf dem Cover, auch mal: „Uffgepumpte Comix für Erwaxene“. Naja, es ging ehrlich gesagt wirklich viel um große Brüste und Hanf-Rauchen. Meist waren das Übersetzungen aus Frankreich oder Amerika, zum Beispiel die FREAK BROTHERS von Gilbert Shelton, dem letztjährigen Stargast des Münchner Comicfestivals.

Sheltons FREAK BROTHERS sind auch beim Neustart wieder dabei. Seit 2013 erscheint U-COMIX unter Federführung von Steff Murschetz im Verlag Undergroundcomix.de, zuerst als Gratisheft zum Gratis-Comic-Tag 2013, dann als reguläre Ausgabe am Bahnhofskiosk und im Comic-Fachhandel. Inzwischen sind in Fortsetzung der alten Nummerierung die neuen Nrn. 182-185 erschienen.

Das Konzept hat sich ein wenig gewandelt, was zu vereinzelten Leserbeschwerden geführt hat („Zu wenig Pimmel!“). Die Wahrheit ist: Die heutige Underground-Comicszene ist vielfältiger als in den Siebzigern und interessiert sich für viele verschiedene Dinge: Alltag, Popkultur, Gott, Politik, Sexualität, Weltuntergang ... Das neue U-COMIX ist eine wilde Mischung aus dem respektlos-alternativen U-COMIX der Siebziger und dem futuristisch-philosophischen HEAVY METAL.

Mit dabei sind diesmal vor allem deutsche Künstler: Lukas Kummer mit seinem Transvestiten-Strip (haha!) TRANSIG NACH ZWÖLF, Bert Henning mit DER 50-JÄHRIGE PUNK, Georg von Westphalen mit KAFKAS AFFE und viele andere. In Fortsetzungen erscheint das apokalyptische Großwerk DER VERBORGENE ENGEL von Dietwald Doblies (LURCHI): Da planen zwei Satansknechte eine Expedition in die Unterwelt zur Befreiung ihres Meisters aus tausendjähriger Gefangenschaft. Thorsten Wieser adaptiert auf ferkelhafte Weise Horror-Klassiker. Gerhard Förster und Gerhard Schlegel parodieren den Piccolo-Klassiker FULGOR DER WELTRAUMFLIEGER und nennen das natürlich VULGOR DER WELTRAUMPFLEGER. Wirklich klasse finde ich Konstantin Komardins ultrabrutalen Verbrecherlebenslauf nach einem Track des russischen Rappers Krovostok in Heft Nr. 184.

Nicht jedem muss alles gefallen, was er da sieht. Aber jeder findet etwas, das ihn mitreißt. Ab der nächsten Ausgabe, die in Kürze erscheint, sind Micha und ich übrigens auch mit EIN SELTSAMER TAG dabei – in Farbe!

Donnerstag, 6. Februar 2014

30 Jahre Comic Café

Heute mal wieder auf ’ner Comicparty: Das Comic Café in Bremen feierte sein 30-jähriges Bestehen und Ladeninhaber Lothar Bachmann und seine rechte Hand Jan Albin luden zum Treffen. Oder, um in ihren Worten zu sprechen: „Für alle Freunde/ Freundinnen und Kunden/ Kundinnen besteht Anwesenheitspflicht!“ So traf man da heute sowohl die junge Manga-Kundschaft als auch alte Haudegen wie Kai Stellmann – mit dem ich mich natürlich wieder über MIT SCHIRM, CHARME UND MELONE unterhalten habe. Es gab Snacks, Getränke und eine Tombola. Man plauderte über die neuesten Comics und die letzten dreißig Jahre. Februar 1984, Mann Mann, da war ich sechzehn!

Früher in der Friedrich-Ebert-Straße Ecke Osterstraße, seit mehreren Jahren ein paar hundert Meter weiter in der Langemarckstraße, war das Comic Café von Anfang an mein Comicladen. Es war schon immer – wie die meisten Comicläden eben – ein vergleichsweise winziges Ladengeschäft, vollgepackt mit alten und neuen Comicheften, -alben und -büchern. Was kann man da für Schätze finden, wenn man durch die Kästen mit in Schutzfolien gehüllten antiquarischen Druckwerken blättert! Und im Neuheiten-Regal findet man alles, was man da sucht.

Comic Café, das heißt für mich: Spirou und Fantasio, Tim und Struppi, Clever & Smart, Adeles ungewöhnliche Abenteuer, Dylan Dog, neue amerikanische Comics und alte ZACK-Hefte. Als ich Ende der Achtziger Zivildienst in einem Städtchen im nordöstlichen Niedersachsen machte, kam ich jedes Wochenende zurück nach Bremen. Eine meiner Stationen war immer dieser Laden, wo ich mich dann mit Lesestoff für die nächste Woche eindeckte.

In den Neunzigern kamen die amerikanischen Comics wieder ganz groß raus. Da waren statt antiquarischer franko-belgischer Comics plötzlich aktuelle Superheldencomics und Graphic Novels aus den USA die Hauptattraktion im Comic Café. Ich kam einmal im Monat in den Laden und holte meine Bestellungen aus dem Previews-Katalog von Diamond ab, dem großen amerikanischen Comicvertrieb, der das Comic Café einmal die Woche beliefert. Manchmal kam ich auch jede Woche.

Jahrelang hat das Team des Comic Cafés auch die Bremer Comicbörse organisiert, die im Konsul-Hackfeld-Haus in der Birkenstraße stattfand. Eine Zeit lang gab es auch monatliche Treffen von Trading-Card-Sammlern. Immer noch habe ich hier ein Fach, in dem meine Bestellungen landen. Immer noch kann man hier jederzeit in tiefsinnige Gespräche mit Comic-Fachleuten verwickelt werden. Und als ich neulich mal dringend ein Original-Piccolo aus den Fünfzigern brauchte, da hatten sie auch das aus ihren geheimnisvollen Beständen im Hinterzimmer sofort parat. Ein richtiger Comicladen halt, in dem man sich wohlfühlen kann.

Samstag, 1. Februar 2014

Arte-Magazin mit Comichelden in Strumpfhosen

Diesen Monat mit einem Blickfang für Comicfans: das neue Programmmagazin des Fernsehsenders Arte! Auf dem Titelbild dieser Comicheld, auf dessen Namen ich gerade nicht komme. Drin ein 6-seitiger Bericht mit Steckbriefen zehn legendärer US-amerikanischer Superhelden. Es sind aus den dreißiger Jahren Superman und Batman, aus den Vierzigern Wundergirl und Captain America, aus den Sechzigern die unglaubliche Spinne, der gewaltige Hulk und der Eiserne, aus den Siebzigern Luke Cage (der erste schwarze Comicheld mit eigener Serie), aus den Achtzigern Rorschach und aus den Neunzigern Spawn. Ja, ich habe hier nach Möglichkeit die deutschen Heldennamen genannt, die ich einfach knorke finde.

Das Ganze wirbt für die 3-teilige Dokureihe „Superheroes“ über den Aufstieg der amerikanischen Comicindustrie von der Anfangszeit nach der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre bis in die Popkultur des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Der erste Teil läuft heute um 22:00 unter dem Titel „Kampf für die Wahrheit“, die weiteren folgen jeweils samstags auf Arte. Die Sendungen dürften jeweils sieben Tage lang in der Arte-Mediathek abrufbar sein. Da werde ich sie mir auf jeden Fall angucken! Zur Reihe ist in englischer Sprache auch ein 300-seitiges Begleitbuch erschienen. Bei Amazon kann man sich einige Seiten in der Vorschau ansehen.

Weiter hinten im Arte-Programmheft ist noch ein Artikel über den Stummfilm DAS CABINET DES DR. CALIGARI, über den ich bekanntlich mal ein dickes Buch geschrieben habe. Er wird im Rahmen der Berlinale am 9. Februar in neu restaurierter Fassung wieder aufgeführt, drei Tage später ist er auch auf Arte zu sehen. News zur Berlinale-Aufführung und zur Fernsehsendung entnehmt ihr am besten dieser Facebook-Präsenz.

Freitag, 24. Januar 2014

Jetzt am Kiosk: phantastisch! Nr. 53

Immer wieder schön finde ich es, wenn ich am Bahnhofskiosk Zeitschriften sehe, in denen Beiträge von mir enthalten sind. In dieser Woche sind es gleich zwei: der neue film-dienst mit meinem Aufmacher über Video-on-Demand. Dafür habe ich mir einen Monat lang die verschiedenen Online-Plattformen ganz genau angeschaut. Und das neue phantastisch!, wieder rappelvoll mit anspruchsvollen Texten zum Phantastik-Genre, präsentiert wie immer in glänzendem Gewand. Auf das starke Cover von Michael Vogt hatte ich ja hier schon hingewiesen. Ich befasse mich in dieser Ausgabe mit Zeitreise-Geschichten in der SF-Literatur.

Wie fährt man eine Zeitmaschine? Würdest du lieber in die Vergangenheit reisen oder in die Zukunft? Wie wäre das, wenn du dir selbst begegnen könntest? – Solche Fragen haben mich schon immer fasziniert. Das allererste Skript zu EIN SELTSAMER TAG, das ich geschrieben habe, erzählt eine Zeitschleifen-Geschichte in nur sieben Panels: Unser Roboter soll ein Labor saubermachen, findet aber, dass jemand anderer den Job schon erledigt hat. Dann stolpert er in eine Zeitmaschine. Wie geht es wohl weiter?

Die Geschichte wurde von Michael Vogt genial umgesetzt und erschien dann vor zwei Jahren als EIN SELTSAMER TAG Episode Nr. 3 in phantastisch! Nr. 45. In der aktuellen Ausgabe gibt es natürlich auch wieder eine neue Episode, diesmal die Nr. 11, eine Art „Origin“-Geschichte unserer namenlosen Kröte, die von Anfang an dabei ist. Aktuell produzieren wir Geschichte Nr. 16.

Montag, 13. Januar 2014

Erschienen: Die Sprechblase Nr. 229

Hurra, nur zwei Monate nach der letzten Ausgabe ist schon wieder eine neue SPRECHBLASE erschienen! Wie hat Gerhard Förster das denn schon wieder angestellt? Ganz einfach: indem er viele der achtzig Seiten höchstpersönlich gefüllt hat, nicht nur als Redakteur, sondern vor allem als Comic-Journalist und -Szenarist.

Diesmal habe ich das Gefühl, da zieht sich ein Thema durch viele Beiträge, das für eine Nostalgie-Zeitschrift wie die SPRECHBLASE von zentraler Bedeutung ist: Wollen wir uns, wenn wir uns mit alten Comics befassen, vor allem an die Vergangenheit erinnern, oder kann daraus etwas Kreatives für die Zukunft entstehen?

Zum Beispiel hat die SPRECHBLASE sich mit dem Werk Hansrudi Wäschers schon immer nicht nur nostalgisch-verklärt befasst (das auch!), sondern es auch weiterbearbeitet und fortgesetzt. So gibt es hier nun wieder einen brandneuen SIGURD-Comic, nach Vorlage von Gerhard Förster gezeichnet von Martin Frei – nicht als Wäscher-Pastiche, sondern in modernerem, eher franko-belgisch anmutenden Stil. Im Editorial erklärt Gerhard beherzt, sie wollten damit „auch eine etwas jüngere Zielgruppe zu erreichen“. Ob die Kids von heute sich dadurch so ’nen alten Rittercomic reinziehen, ziehe ich jedoch in Zweifel. Der Charme der Wäscher-Comics besteht nun mal darin, eine Ahnung davon zu bekommen, was die Jugendlichen damals in den Fünfzigern begeistert hat.

Ganz toll finde ich jedoch das „Making of“ zum SIGURD-Comic und das Gespräch, das Gerhard Förster mit Andreas C. Knigge geführt hat, der vor kurzem ein Buch über Wäscher geschrieben und dafür innerhalb weniger Wochen sein gesamtes Werk durchgelesen hat. Da reden zwei Comic-Experten miteinander. Sie beginnen einfach damit, ein Piccolo-Titelbild Wäschers zu betrachten und geraten dann in ein tiefsinniges Gespräch darüber, wie ein Produzent von Massenware es verstand, seine Leser in den Bann zu ziehen.

Weiter hinten im Heft gibt es noch einen ausführlichen Bericht über Patrick McGoohans surreale Agenten-Fernsehserie THE PRISONER (dt. Nummer 6) aus den Sechzigern. Auch da geht es um das Verhältnis von nostalgischem Rückblick auf eine Kultserie der eigenen Jugend und deren moderne Neubearbeitung, hier als völlig neue Miniserie mit Jim Caviezel, die von vielen Fans des Originals von vornherein abgelehnt, hier jedoch hochgelobt wird. Seltsamerweise überhaupt nicht erwähnt wird dabei die PRISONER-Comicadaption, die DC Ende der achtziger Jahre herausgebracht hat. Ich fand es damals faszinierend, dass das Medium Comic die Fortsetzung einer alten Fernsehserie mit Original-„Darstellern“ ermöglichte.

Unter den weiteren Beiträgen gefällt mir besonders die glühende Hommage an die süße Sängerin France Gall – als Comic mit YouTube-Links! Und die Wiederbegegnung mit Kai Stellmann, dem früheren Herausgeber von COM-MIX und BLENDER und Betreiber der Bremer Comic-Buchhandlung Pegasos, in der ich in den Achtzigern und Neunzigern oft herumgestöbert habe. Kai ist, wie ich weiß, auch ein großer Fan von Sechziger-Serien wie MIT SCHIRM, CHARME UND MELONE und THE PRISONER. Ihm gefällt die neue SPRECHBLASE gewiss ebenso wie mir.

Donnerstag, 9. Januar 2014

Perry Nr. 38: Die Millies kommen

Gerade arbeite ich am neuen PERRY-Comic der Alligatorfarm, der in diesem Jahr erscheinen soll. Da fällt mir ein, dass ich hier doch gelegentlich mal etwas über die klassischen PERRY-Comics aus den Siebzigern schreiben könnte. Wenn ich’s damit auf 129 Posts schaffe, hätte ich dann alle Hefte der „alten Serie“ besprochen, haha.

Ich beginne mit einem besonderen Heft, PERRY Nr. 38: „Die Millies kommen“, erschienen im September 1970. Ich erinnere mich, wie ich im Jahr 2007 im damaligen Alligatorfarm-Comicstudio in Hamburg-Altona zum ersten Mal Karl Nagel traf, der damals mit seinem Verlag die PERRY-Comics in der „neuen Serie“ wiederbelebt hatte. Karl zeigte mir ein besonderes PERRY-Heft aus seiner Jugend, eben jene Nr. 38, in der Shira, das geheimnisvolle Mädchen aus dem All, zum ersten Mal auftaucht. Und er erzählte mir, dass er gerade zusammen mit Kai Hirdt eine Fortsetzung der Geschichte schrieb, die kurz darauf als „Drangwalze-Trilogie“ in der neuen PERRY-Comicreihe erschien. Damit wurde eine Geschichte zu Ende erzählt, deren Anfang fast vierzig Jahre zuvor veröffentlicht worden war.

PERRY Nr. 38 stand ganz zu Beginn der durch die psychedelischen Zeichnungen des italienischen Studio Giolitti geprägten „Pop-Art-Phase“ der PERRY-Comics, die nur eine Nummer zuvor, mit Heft Nr. 37, begonnen hatte: Die Panels explodierten, unsere Weltraumhelden sahen plötzlich aus wie Popstars, und auf den knallbunten Seiten räkelten sich leicht bekleidete Mädchen. Kulturwissenschaftler Horst Schröder kommentierte später: „In Leserbriefen protestierten die vorwiegend jugendlichen Leser empört gegen die Nackedeis. Nicht etwa, weil sie dies als Entwürdigung der Frau empfanden, sondern weil sie meinten, soviel Nacktheit würde sich negativ auf die Kampfmoral der Crew auswirken.“

Die „Millies“-Story, geschrieben von Bernt Kling, war eine Parodie auf die damals oft „ausgesprochen militaristischen Inhalte der PERRY-RHODAN-Romanserie“ (Kling in einer E-Mail an Michael Nagula), und diese erfolgt in drastischer Brutalität: Die Bösewichte der Geschichte sind menschenfressende, raubvogelartige Außerirdische, gegen die Perry und seine Crew machtlos scheinen (Atlan auf Seite 19: „Auf in den Kampf, Terraner!“). Auf den Seiten 16 und 18 wird tatsächlich gezeigt, wie die Bestien Menschen die Köpfe abreißen, ein Horror sondergleichen! Später bekamen die PERRY-Comics dann auch hin und wieder Ärger mit der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften.

Doch die eigentliche Attraktion des Heftes war die neue Figur, die Kling eigens für die PERRY-Comics erfunden hatte: Shira, die schöne Mutantin mit dem wallenden rot-blonden Haar, das „Mädchen aus dem All“, ein geheimnisvolles Wesen ohne Vergangenheit (mit Anklängen an URANELLA, ebenfalls eine Comicheldin des Moewig-Verlags). Die ornamentartigen Applikationen, die entscheidende Stellen nur notdürftig verdecken, sind Teil ihres Körpers, Nacktheit Teil ihres Wesens. Ich weiß nicht ob aus Versehen oder in einer Art Selbstzensur, aber in späteren PERRY-Comics wird Shiras Körper gelegentlich vom Hals an abwärts blau eingefärbt und ihr somit mittels Kolorierung eine dieser hautengen Uniformen verpasst, die auch Perry, Auris & Co an Bord des Raumschiffs CREST tragen.

Shira, wenn auch, wie Schröder bemängelt, gelegentlich als EPOXY-Plagiat präsentiert, war eine genuine Figur der PERRY-Comichefte, die in der Romanserie niemals vorkam. Als ich Ende der Siebziger PERRY-Comics auf dem Flohmarkt kaufte, da habe ich ganz gewiss nichts dagegen gehabt, dass Shira mit ihrem Aussehen für Perry und seine Truppe eventuell eine klitzekleine Gefährdung der Kampfmoral darstellte.