Freitag, 24. Januar 2014

Jetzt am Kiosk: phantastisch! Nr. 53

Immer wieder schön finde ich es, wenn ich am Bahnhofskiosk Zeitschriften sehe, in denen Beiträge von mir enthalten sind. In dieser Woche sind es gleich zwei: der neue film-dienst mit meinem Aufmacher über Video-on-Demand. Dafür habe ich mir einen Monat lang die verschiedenen Online-Plattformen ganz genau angeschaut. Und das neue phantastisch!, wieder rappelvoll mit anspruchsvollen Texten zum Phantastik-Genre, präsentiert wie immer in glänzendem Gewand. Auf das starke Cover von Michael Vogt hatte ich ja hier schon hingewiesen. Ich befasse mich in dieser Ausgabe mit Zeitreise-Geschichten in der SF-Literatur.

Wie fährt man eine Zeitmaschine? Würdest du lieber in die Vergangenheit reisen oder in die Zukunft? Wie wäre das, wenn du dir selbst begegnen könntest? – Solche Fragen haben mich schon immer fasziniert. Das allererste Skript zu EIN SELTSAMER TAG, das ich geschrieben habe, erzählt eine Zeitschleifen-Geschichte in nur sieben Panels: Unser Roboter soll ein Labor saubermachen, findet aber, dass jemand anderer den Job schon erledigt hat. Dann stolpert er in eine Zeitmaschine. Wie geht es wohl weiter?

Die Geschichte wurde von Michael Vogt genial umgesetzt und erschien dann vor zwei Jahren als EIN SELTSAMER TAG Episode Nr. 3 in phantastisch! Nr. 45. In der aktuellen Ausgabe gibt es natürlich auch wieder eine neue Episode, diesmal die Nr. 11, eine Art „Origin“-Geschichte unserer namenlosen Kröte, die von Anfang an dabei ist. Aktuell produzieren wir Geschichte Nr. 16.

Montag, 13. Januar 2014

Erschienen: Die Sprechblase Nr. 229

Hurra, nur zwei Monate nach der letzten Ausgabe ist schon wieder eine neue SPRECHBLASE erschienen! Wie hat Gerhard Förster das denn schon wieder angestellt? Ganz einfach: indem er viele der achtzig Seiten höchstpersönlich gefüllt hat, nicht nur als Redakteur, sondern vor allem als Comic-Journalist und -Szenarist.

Diesmal habe ich das Gefühl, da zieht sich ein Thema durch viele Beiträge, das für eine Nostalgie-Zeitschrift wie die SPRECHBLASE von zentraler Bedeutung ist: Wollen wir uns, wenn wir uns mit alten Comics befassen, vor allem an die Vergangenheit erinnern, oder kann daraus etwas Kreatives für die Zukunft entstehen?

Zum Beispiel hat die SPRECHBLASE sich mit dem Werk Hansrudi Wäschers schon immer nicht nur nostalgisch-verklärt befasst (das auch!), sondern es auch weiterbearbeitet und fortgesetzt. So gibt es hier nun wieder einen brandneuen SIGURD-Comic, nach Vorlage von Gerhard Förster gezeichnet von Martin Frei – nicht als Wäscher-Pastiche, sondern in modernerem, eher franko-belgisch anmutenden Stil. Im Editorial erklärt Gerhard beherzt, sie wollten damit „auch eine etwas jüngere Zielgruppe zu erreichen“. Ob die Kids von heute sich dadurch so ’nen alten Rittercomic reinziehen, ziehe ich jedoch in Zweifel. Der Charme der Wäscher-Comics besteht nun mal darin, eine Ahnung davon zu bekommen, was die Jugendlichen damals in den Fünfzigern begeistert hat.

Ganz toll finde ich jedoch das „Making of“ zum SIGURD-Comic und das Gespräch, das Gerhard Förster mit Andreas C. Knigge geführt hat, der vor kurzem ein Buch über Wäscher geschrieben und dafür innerhalb weniger Wochen sein gesamtes Werk durchgelesen hat. Da reden zwei Comic-Experten miteinander. Sie beginnen einfach damit, ein Piccolo-Titelbild Wäschers zu betrachten und geraten dann in ein tiefsinniges Gespräch darüber, wie ein Produzent von Massenware es verstand, seine Leser in den Bann zu ziehen.

Weiter hinten im Heft gibt es noch einen ausführlichen Bericht über Patrick McGoohans surreale Agenten-Fernsehserie THE PRISONER (dt. Nummer 6) aus den Sechzigern. Auch da geht es um das Verhältnis von nostalgischem Rückblick auf eine Kultserie der eigenen Jugend und deren moderne Neubearbeitung, hier als völlig neue Miniserie mit Jim Caviezel, die von vielen Fans des Originals von vornherein abgelehnt, hier jedoch hochgelobt wird. Seltsamerweise überhaupt nicht erwähnt wird dabei die PRISONER-Comicadaption, die DC Ende der achtziger Jahre herausgebracht hat. Ich fand es damals faszinierend, dass das Medium Comic die Fortsetzung einer alten Fernsehserie mit Original-„Darstellern“ ermöglichte.

Unter den weiteren Beiträgen gefällt mir besonders die glühende Hommage an die süße Sängerin France Gall – als Comic mit YouTube-Links! Und die Wiederbegegnung mit Kai Stellmann, dem früheren Herausgeber von COM-MIX und BLENDER und Betreiber der Bremer Comic-Buchhandlung Pegasos, in der ich in den Achtzigern und Neunzigern oft herumgestöbert habe. Kai ist, wie ich weiß, auch ein großer Fan von Sechziger-Serien wie MIT SCHIRM, CHARME UND MELONE und THE PRISONER. Ihm gefällt die neue SPRECHBLASE gewiss ebenso wie mir.

Donnerstag, 9. Januar 2014

Perry Nr. 38: Die Millies kommen

Gerade arbeite ich am neuen PERRY-Comic der Alligatorfarm, der in diesem Jahr erscheinen soll. Da fällt mir ein, dass ich hier doch gelegentlich mal etwas über die klassischen PERRY-Comics aus den Siebzigern schreiben könnte. Wenn ich’s damit auf 129 Posts schaffe, hätte ich dann alle Hefte der „alten Serie“ besprochen, haha.

Ich beginne mit einem besonderen Heft, PERRY Nr. 38: „Die Millies kommen“, erschienen im September 1970. Ich erinnere mich, wie ich im Jahr 2007 im damaligen Alligatorfarm-Comicstudio in Hamburg-Altona zum ersten Mal Karl Nagel traf, der damals mit seinem Verlag die PERRY-Comics in der „neuen Serie“ wiederbelebt hatte. Karl zeigte mir ein besonderes PERRY-Heft aus seiner Jugend, eben jene Nr. 38, in der Shira, das geheimnisvolle Mädchen aus dem All, zum ersten Mal auftaucht. Und er erzählte mir, dass er gerade zusammen mit Kai Hirdt eine Fortsetzung der Geschichte schrieb, die kurz darauf als „Drangwalze-Trilogie“ in der neuen PERRY-Comicreihe erschien. Damit wurde eine Geschichte zu Ende erzählt, deren Anfang fast vierzig Jahre zuvor veröffentlicht worden war.

PERRY Nr. 38 stand ganz zu Beginn der durch die psychedelischen Zeichnungen des italienischen Studio Giolitti geprägten „Pop-Art-Phase“ der PERRY-Comics, die nur eine Nummer zuvor, mit Heft Nr. 37, begonnen hatte: Die Panels explodierten, unsere Weltraumhelden sahen plötzlich aus wie Popstars, und auf den knallbunten Seiten räkelten sich leicht bekleidete Mädchen. Kulturwissenschaftler Horst Schröder kommentierte später: „In Leserbriefen protestierten die vorwiegend jugendlichen Leser empört gegen die Nackedeis. Nicht etwa, weil sie dies als Entwürdigung der Frau empfanden, sondern weil sie meinten, soviel Nacktheit würde sich negativ auf die Kampfmoral der Crew auswirken.“

Die „Millies“-Story, geschrieben von Bernt Kling, war eine Parodie auf die damals oft „ausgesprochen militaristischen Inhalte der PERRY-RHODAN-Romanserie“ (Kling in einer E-Mail an Michael Nagula), und diese erfolgt in drastischer Brutalität: Die Bösewichte der Geschichte sind menschenfressende, raubvogelartige Außerirdische, gegen die Perry und seine Crew machtlos scheinen (Atlan auf Seite 19: „Auf in den Kampf, Terraner!“). Auf den Seiten 16 und 18 wird tatsächlich gezeigt, wie die Bestien Menschen die Köpfe abreißen, ein Horror sondergleichen! Später bekamen die PERRY-Comics dann auch hin und wieder Ärger mit der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften.

Doch die eigentliche Attraktion des Heftes war die neue Figur, die Kling eigens für die PERRY-Comics erfunden hatte: Shira, die schöne Mutantin mit dem wallenden rot-blonden Haar, das „Mädchen aus dem All“, ein geheimnisvolles Wesen ohne Vergangenheit (mit Anklängen an URANELLA, ebenfalls eine Comicheldin des Moewig-Verlags). Die ornamentartigen Applikationen, die entscheidende Stellen nur notdürftig verdecken, sind Teil ihres Körpers, Nacktheit Teil ihres Wesens. Ich weiß nicht ob aus Versehen oder in einer Art Selbstzensur, aber in späteren PERRY-Comics wird Shiras Körper gelegentlich vom Hals an abwärts blau eingefärbt und ihr somit mittels Kolorierung eine dieser hautengen Uniformen verpasst, die auch Perry, Auris & Co an Bord des Raumschiffs CREST tragen.

Shira, wenn auch, wie Schröder bemängelt, gelegentlich als EPOXY-Plagiat präsentiert, war eine genuine Figur der PERRY-Comichefte, die in der Romanserie niemals vorkam. Als ich Ende der Siebziger PERRY-Comics auf dem Flohmarkt kaufte, da habe ich ganz gewiss nichts dagegen gehabt, dass Shira mit ihrem Aussehen für Perry und seine Truppe eventuell eine klitzekleine Gefährdung der Kampfmoral darstellte.